Quellen & Belege · Sources & References
Über die Kosten des Schnellen Brüters kursieren Zahlen, die sich gegenseitig widersprechen. Grundlage dieser Folge ist deshalb nicht die übliche Zitatkette, sondern die Primärquelle: der Bericht KfK 4666 von W. Marth (Kernforschungszentrum Karlsruhe, März 1992) samt der originalen Finanzierungstabelle.
| Zeitpunkt | Summe | Anmerkung |
|---|---|---|
| 1965 (frühe Schätzung) | 310 Mio DM | KfK 4666, S. 46 f. |
| Ende 1969 („Schätzpreis") | 670 Mio DM | KfK 4666, S. 46 f. |
| Vertragspreis bei Baubeginn (Preisstand Nov. 1972) | 1.534,7 Mio DM | ausdrücklich ohne Plutonium für den Erstkern |
| 1979 | 3,2 Mrd DM | davon 1,1 Mrd allein Preisgleitung |
| 1983 (Errichtung) | 6.500 Mio DM | Mehrkosten zu 46 % durch Preissteigerungen |
| 1985–1991 (Wartephase) | rund 105 Mio DM pro Jahr | reine Bereitschaftskosten |
Die verbreitete Gegenüberstellung „500 Millionen geplant gegen 7 Milliarden gekostet" verwendet dieses Video nicht. Die Zahl von 500 Mio DM findet sich in der Primärquelle nirgends; belegt sind die frühen Schätzungen von 310 bzw. 670 Mio DM und der Vertragspreis von 1.534,7 Mio DM. Sauber vergleichbar ist deshalb allein die Linie 1,5 Mrd DM (vertraglich) → 6,5 Mrd DM (Errichtung) — ein Faktor von rund 4,2 statt der oft behaupteten 14.
Ebenso wichtig: „rund 7 Mrd DM" und „rund 3,5 Mrd €" sind dieselbe Zahl (Umrechnung zum festen Kurs), nur in verschiedenen Währungen. Wer beide nacheinander nennt, verdoppelt eine Summe, die es nur einmal gibt. Die 7 Mrd sind zudem eine gerundete Gesamtsumme inklusive der Wartejahre, keine geprüfte Schlussabrechnung — deshalb spricht das Video am Ende nur von „mehreren Milliarden".
| Aussage im Video | Quelle |
|---|---|
| Baubeginn am 23.04.1973; ursprünglich geplante Übergabe November 1979, 1982 auf Juli 1987 verschoben; Errichtung im Mai 1985 abgeschlossen — aus wenigen Jahren Bauzeit wurden zwölf | KfK 4666, Chronik |
| Der Reaktor wurde mit flüssigem Natrium gekühlt, das sich bei Wasserkontakt entzündet; rund 1.100 Tonnen wurden bis Mai 1985 eingefüllt und mussten anschließend dauerhaft flüssig gehalten werden | KfK 4666, S. 90 ff. |
| Ausgelegt war die Anlage auf 327 MW brutto (762 MW thermisch); die höchsten Bauteile ragten 93 Meter auf | KfK 4666; European Nuclear Society |
| Finanzierung (Stand April 1983): Bundesforschungsministerium 48,5 %, Investitionszulage 9 %, deutsche Energieversorger 18 %, Belgien 7 %, Niederlande 7 %, Hersteller 5 %, Betreiber 4 %, Darlehen 1,5 % — die öffentliche Hand trug damit rund 72 % | KfK 4666, S. 87 (Finanzierungsplan) |
| Bei der Demonstration am 24.09.1977 waren nach unterschiedlichen Schätzungen 30.000 bis 50.000 Menschen vor Ort; ihnen standen knapp 8.000 Polizeibeamte gegenüber — der größte Polizeieinsatz der Bundesrepublik bis dahin. Ein Zug wurde angehalten und durchsucht, Tausende erreichten ihr Ziel nicht. Der Protest verlief weitgehend ohne Ausschreitungen | Andreas Kühn: „Kalkar 1977", Brauweiler Kreis 2007 (PDF); Polizeigeschichte-Infopool NRW |
| Alle Brennelemente waren bis August 1985 gefertigt, kamen aber nie in den Reaktor; es fand nie eine Kernspaltung statt, es wurde kein Strom erzeugt | KfK 4666, S. 90 + Chronik 1985/86 |
| Die abschließende Betriebsgenehmigung wurde nicht erteilt; das Land erklärte 1986, ein positives Gesamturteil sei nicht mehr möglich | KfK 4666 |
| Am 20./21.03.1991 wurde das Projekt endgültig beendet, am 10.04.1991 wurden die Lieferverträge gekündigt | KfK 4666, Kap. 9.6 |
| Mitte der 1990er Jahre erwarb ein niederländischer Unternehmer das Gelände; heute ist es ein Freizeitpark. An der Außenwand des Kühlturms befindet sich eine Kletterwand, im Inneren seit 2009 ein Kettenkarussell | Wikipedia: Wunderland Kalkar; taz |
Fertig gebaut, nie in Betrieb — das ist der Unterschied. Das Video sagt bewusst nicht, die Anlage sei „nie fertig geworden". Sie war errichtet, das Kühlmittel war eingefüllt, die Brennelemente lagen bereit. Was fehlte, war die letzte Genehmigung.
Keine Schuldzuweisung. Das Bundesforschungsministerium wies die Verantwortung für das Aus seinerzeit dem Land Nordrhein-Westfalen zu — das ist die Position einer beteiligten Partei, kein neutraler Befund. Das Video nennt deshalb nur die Tatsache, dass die Genehmigung ausblieb, und verzichtet auf Personalisierung.
Bewusst weggelassen, weil quellenmäßig unsicher: der Kaufpreis des Geländes (die Angaben reichen von 2,5 Mio € über 3–5 Mio DM bis 3 Mio US-Dollar) und das exakte Kaufjahr (1991 oder 1995) — hier widersprechen sich die Quellen bis hinein in verschiedene Wikipedia-Artikel. Ebenso die kursierende Zahl von „177.000 Kontrollen" rund um die Demonstration, die nur schwach belegt ist.
Rechtliches: Es gab keine strafrechtlichen Konsequenzen und es sind keine Verfahren anhängig. Zwei Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts tragen den Namen des Ortes: Kalkar I (08.08.1978, 2 BvL 8/77) bestätigte die Verfassungsmäßigkeit von § 7 Atomgesetz und gilt als Leitentscheidung zur Wesentlichkeitstheorie; Kalkar II (22.05.1990, 2 BvG 1/88) wies eine Klage des Landes gegen den Bund in allen Punkten zurück.